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Wanderarbeiter:
auch heute oft unterbezahlt und ausgenutzt

Wanderarbeit ist ein Phänomen, das es bereits im Mittelalter gab. Handwerker und ungelernte Arbeitskräfte gingen in Nachbarländer, wo sie sich ihren bescheidenen Lebensunterhalt verdienten. Andere zogen in Deutschland von Ort zu Ort und boten dort ihre Dienste als Kesselflicker, Seilmacher, Scherenschleifer oder Gaukler an. Gab es an einem Ort keine Arbeit mehr, wanderten sie weiter.

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Zum Begriff des Wanderarbeiters

Wanderarbeiter sind Menschen, die nicht dort arbeiten, wo sie wohnen. Im weiteren Sinne handelt es sich um Berufspendler im eigenen Land, die Aufträge fernab ihres Arbeitgebers und Wohnorts annehmen. Wanderarbeiter können aber auch Personen sein, die dauerhaft oder vorübergehend zum Arbeiten in ein Nachbarland gehen oder ins Ausland übersiedeln, um anschließend in ihrem Herkunftsland zu arbeiten. Die Internationale Konvention zum Schutz der Rechte aller Wanderarbeitnehmer und ihrer Familienangehörigen vom 18.12.1990 definiert den Wanderarbeiter als jemanden, der in einem ausländischen Land gegen Entgelt einer Berufstätigkeit nachgeht, aber nicht Staatsangehöriger des betreffenden Landes ist. Das sind beispielsweise

  • berufsreisende Arbeitnehmer
  • aus beruflichen Gründen reisende Selbstständige
  • Seeleute
  • Arbeiter auf einer Offshore-Plattform (Bohrinsel)
  • Saison-Arbeitskräfte
  • Handwerksgesellen auf der Walz

Die UN-Wanderarbeiter-Konvention wurde ratifiziert, um den rechtlichen Status der Wanderarbeiter und ihrer Familien zu verbessern. Obwohl die Einhaltung dieser Bestimmungen seit 2004 von einem ständigen Ausschuss überwacht wird, gibt es in allen 45 Unterzeichnerstaaten täglich Verstöße gegen diese Vorgaben. Nicht unter den Schutz der UN-Konvention fallen Seefahrer, Offshore-Arbeiter, Staatenlose, Flüchtlinge, Praktikanten und Studenten. Die Arbeitsmigranten sind meist auf der Basis von Werkverträgen tätig und bleiben nur so lange am jeweiligen Arbeitsort, wie man sie dort benötigt. Viele von ihnen sind wenig oder überhaupt nicht qualifiziert.

Schlimmstenfalls beschäftigt man sie illegal (polnische Bauarbeiter mit Leih-Arbeitsverhältnissen). In Ländern wie China gelten Menschen, die nicht in den Wohnbezirken arbeiten, in denen sie registriert sind, als Wanderarbeiter. Die Mehrzahl von ihnen sind Bauern, die sich von dem höheren Lebensstandard in den chinesischen Großstädten angezogen fühlen und dort befristet im Hoch- und Tiefbau tätig sind. In einigen chinesischen Provinzen erhalten sie für ihre Arbeit einen höheren Mindestlohn als in anderen.

Zur Geschichte der Wanderarbeit

Wanderarbeit war bereits im deutschen Mittelalter weit verbreitet. Man nannte die aus beruflichen Gründen Reisenden Vagabunden und fahrendes Volk. Charakteristisch für diese Bevölkerungsgruppen war, dass sie eine unterschiedliche Herkunft hatten und verschiedene Tätigkeiten ausübten. Im Mittelalter gab es beispielsweise Scherenschleifer, die mit ihren transportierbaren Werkzeugen im Gepäck von Ort zu Ort zogen. Sie schärften gegen einen kleinen Obolus die Klingen von Messern und Scheren. Wer den Scherenschleifer nicht bezahlen konnte, gab ihm Essen mit auf die Reise oder ließ ihn kurzzeitig bei sich übernachten. Ähnlich lebten die Bürstenbinder, Korbmacher, Pfannen-Flicker und fahrenden Händler (Krämer).

Die mittelalterlichen Wanderarbeiter waren rechtlose Handwerker, Kaufleute oder Ungelernte. Letztere hatten nicht einmal eine einfache Schulbildung und lebten oft in ärmlichen Verhältnissen. Sie besaßen einen schlechten Ruf, weil sie von der Hand in den Mund lebten, und wurden oft für Diebe gehalten. Die Mehrheitsgesellschaft grenzte sie aus und bezeichnete sie als herrenloses Gesindel. Um die Familie besser ernähren zu können, gaben die Wanderarbeiter ihr Handwerk schon frühzeitig an ihre minderjährigen Söhne weiter. Im Einzelfall schlossen sich ihnen auch Aussteiger aus der ortsansässigen Unterschicht an. Wer kein Geselle auf der Wanderschaft war, ging zu Fuß oder spannte sich selbst vor seinen zweirädrigen Wagen. Manchmal führte die Arbeit sie sogar ins Nachbarland.

Wanderarbeiter Historie Geschichte

Die Wanderarbeiter des Mittelalters hatten keinen festen Wohnsitz oder zogen trotz vorhandener Bleibe im Land umher. Hatten sie kein Zuhause, hielt man sie für Landstreicher. Der soziale Aufstieg in die Mehrheitsgesellschaft blieb ihnen dauerhaft verwehrt. Dadurch gaben sie ihre eigene Armut von Generation zu Generation weiter. Im 18. Jahrhundert zählten etwa 10 Prozent der Bevölkerung Mitteleuropas zu den Wanderarbeitern. Kriegs- und Hungerzeiten vergrößerten diesen Anteil zeitweilig noch. Zu den nicht herrenlosen Wanderarbeitern gehörten zu allen Zeiten die Handwerker auf der Walz, reisende Kaufleute und Handwerker, die keiner Zunft angehörten.

Die Wanderarbeit war auch zur Zeit der Industrialisierung weit verbreitet. Viele Menschen, die der untersten gesellschaftlichen Schicht angehörten, verließen ihre wirtschaftlich schwache Heimatregion und zogen aus Arbeitsgründen in die Großstadt. Dort ließen sie sich als ungelernte Industriearbeiter einstellen oder halfen beim Bau von Verkehrswegen. Polen-Deutsche machten sich auf den Weg ins Ruhrgebiet und arbeiteten dort in den neu erbauten Stahl- und Kohle-Fabriken auf der Basis regulärer Arbeitsverträge. Sie planten, einige Jahre später mit ihren Ersparnissen wieder in die Heimat zurückzugehen. Weil sich ihre bescheidenen Arbeiter-Siedlungen direkt neben den Industriegebäuden befanden, begünstigte dies die Ressentiments deutscher Arbeiter: Diese befürchteten, die Zugereisten könnten ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen.

Wanderarbeiter Feldarbeiter Erntehelfer

Andere Wanderarbeiter kamen vorübergehend in der Landwirtschaft unter. Sie arbeiteten als Erntehelfer oder versorgten das Vieh in den Ställen. Die Anzahl der saisonalen Arbeitskräfte stieg seit den 1890-er Jahren rasant an. Die derart Beschäftigten hielten es für besser, wenig zu verdienen, als überhaupt keine Arbeit zu haben. So lag die Zahl der ausländischen Wanderarbeiter vor dem Ersten Weltkrieg in Deutschland bei zirka 1,2 Millionen. Aber auch die Deutschen gingen zum Arbeiten über die Grenze. Sie verdienten sich in Holland Geld als Gras-Mäher. Bevorzugte Länder waren die Schweiz, Niederlande, Frankreich und Belgien. Wander-Ziegler zog es in die städtischen Ziegelei-Betriebe. Minderjährige wie die Tiroler Hütejungen machten sich auf den Weg in andere Landesteile, um sich dort für eine geringe Entlohnung um das Weidevieh zu kümmern.

Mit der Einführung der Dampfschifffahrt stieg die Zahl ausländischer Seeleute an Bord der Frachter und Passagierschiffe. Weil dieser Berufsstand nicht unter staatlichem Schutz stand, waren die Löhne für Seeleute frei verhandelbar. Diese erhielten daher oft nur ein Drittel der Heuern, mit denen die deutschen Matrosen entlohnt wurden. Außerdem mussten die deutschen Reedereien für ihre indischen und chinesischen Seeleute keine Sozialversicherungsabgaben abführen. Sie gaben den Billig-Kräften Jobs als Kohlenzieher und Heizer.

Wanderarbeiter in anderen Ländern der Welt

In den USA des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts nannte man die nicht sesshaften, sozial schwachen, umherziehenden Arbeitskräfte Hobos. Sie fristeten als Waldarbeiter, Helfer auf Baustellen und Erntearbeiter ein kärgliches Dasein. Im kolonialen Südafrika waren es die weißen Eigentümer der prosperierenden Bergbau-Gesellschaften und großen Farmen, die schwarze Arbeiter für wenig Lohn vorübergehend beschäftigten. Die Internationale Organisation für Migration geht derzeit von ungefähr 200 Millionen Arbeitsmigranten weltweit aus. Die meisten von ihnen sind in Europa auf Arbeitssuche. Pro Jahr erhöht sich ihre Zahl international um weitere 2,3 Millionen. Auf Platz zwei in puncto Wanderarbeit befinden sich die USA.

Wanderarbeit heute

Die modernen Wanderarbeiter werden nicht mehr als fahrendes Volk und Asoziale diskriminiert. Viele von ihnen kamen in der Zeit des deutschen Wirtschaftswunders aus anderen europäischen Ländern (Italien, Griechenland, Spanien) und der Türkei, um in deutschen Fabriken Arbeit zu finden. Man nannte sie damals Gastarbeiter. Mit dem verdienten Geld finanzierten sie sich hierzulande eine Wohnung und den Lebensunterhalt. Den größten Teil des Arbeitsentgelts schickten sie jedoch ihren Familien nach Hause. Dadurch unterstützten sie die Daheimgebliebenen finanziell. Reichte das verdiente Geld dafür aus, verbrachten sie ihren Urlaub in der Heimat.

Heute werden Menschen, die aus finanziellen Gründen eine befristete Arbeit fernab ihres Wohnorts annehmen, leider oft Opfer von Ausbeutung: Wanderarbeiter aus osteuropäischen Staaten werden oft schlecht bezahlt, müssen unqualifizierte Tätigkeiten verrichten oder arbeiten in Jobs, die körperlich extrem anstrengend sind. Mehrarbeit wird von den Arbeitgebern automatisch vorausgesetzt. Weil sich die Billig-Arbeitskräfte keine normale Wohnung leisten können, leben sie oft zu mehreren Personen in einer überteuerten Unterkunft.

Wanderarbeiter Weinbau Erntehelfer

Die bis zu 400.000 osteuropäischen Erntehelfer, die jährlich auf deutschen Feldern und in deutschen Weinbaugebieten beschäftigt sind, erhalten für ihre Arbeit etwa 5 Euro pro Stunde und arbeiten sieben Tage in der Woche. Sie reisen im April zur Spargel-Ernte ein und pflücken später Erdbeeren, Kirschen und anderes Obst. Im Hochsommer ist die Feldarbeit an der Reihe, im Herbst die Weinlese. Die Saisonarbeit wird von den Bauern vor Ort organisiert, sodass sich die ausländischen Arbeitsmigranten um nichts kümmern müssen. Sie übernachten in provisorischen Unterkünften (Bauwagen, Scheunen). Verglichen mit diesen Arbeitsbedingungen hatten es die Gastarbeiter hierzulande richtig gut: Sie erhielten normale Arbeitsverträge mit regulärer Bezahlung. Die Arbeitgeber führten für sie Beiträge an die Renten- und Sozialversicherung ab. Dafür mussten die ausländischen Arbeitnehmer allerdings oft gefährliche und harte Jobs ausüben, die niemand annehmen wollte.

Das DGB-Projekt Faire Mobilität kam zu dem ernüchternden Ergebnis, dass die Wanderarbeiter von heute überwiegend Menschen aus Mittel- und Osteuropa sind, die auf der Basis von

  • Werkverträgen
  • Leih-Arbeitsverträgen und als
  • Scheinselbstständige

tätig sind. Sie werden wie Arbeitssklaven behandelt und leben in unwürdigen Behausungen. Frauen, die in Deutschland als Altenpflegekräfte arbeiten, müssen rund um die Uhr für ihren Arbeitgeber verfügbar sein und haben weder Wochenende noch Urlaub. Noch belastender für die Betroffenen ist, dass sie mitunter von der Außenwelt isoliert werden und für zusätzliche Jobs wie Gartenarbeit und Putzen herangezogen werden. Dennoch möchten viele der so behandelten Wanderarbeiterinnen ihre deutschen Arbeitsplätze nicht missen.
Der Grund: In ihrer Heimat wären sie durch die Folgen der lang anhaltenden Wirtschaftskrise arbeitslos.

Deutsche Pflegewissenschaftler gehen davon aus, dass der größte Teil der wenigstens 400.000 Pflegefälle, der von den polnischen und russischen Pflegehelferinnen versorgt wird, auf diese Weise geregelt wird. Die Frauen erhalten höchstens drei Euro pro Stunde und haben Angst, ihre Arbeitgeber anzuzeigen und dann auf einer angeblich vorhandenen schwarzen Liste vermerkt zu werden. Von dem Geld, das die Deutschen für die Pflege ihrer Angehörigen bezahlen, gehen mehr als 50 % an die Vermittlungsagenturen.

Wanderarbeiter Logistik Containerschiff Containerhafen

Weitere Arbeitsbereiche, in denen es derzeit zu besonders gravierenden Verstößen gegen das Arbeitsrecht kommt, sind Logistik (Paketzustellungsfirmen) und Fleischindustrie. Weil die Unternehmen nicht verpflichtet sind, über die von ihnen angestellten Wanderarbeiter Rechenschaft abzulegen, weiß niemand genau, wie viele Menschen tatsächlich unter diesen schlechten Arbeitsbedingungen leiden. Da sich die mobilen Arbeitnehmer, wie man die Wanderarbeiter heute nennt, oft mit der deutschen Sprache und dem deutschen Rechtssystem nicht auskennen, enden sie vielfach in ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen: Die Vermittlungsunternehmen legen den rumänischen und bulgarischen Arbeitskräften eine Gewerbeanmeldung vor und deklarieren diese als Arbeitsvertrag. Damit sind sie juristisch Selbstständige, arbeiten in Wirklichkeit aber als abhängig Beschäftigte. Der Arbeitgeber profitiert von der Scheinselbstständigkeit, indem er für seine Arbeiter keine SV-Abgaben und Steuern zahlt.

Unterzeichnen die Grenzgänger in Deutschland einen Leih-Arbeitsvertrag und werden dann auf eine Baustelle geschickt, handelt es sich sogar um eine illegale Tätigkeit. Werden sie in der Fleischwirtschaft beschäftigt, müssen sie am Arbeitsort mit zu teuren und überbelegten Unterkünften rechnen und sind mitunter nicht einmal krankenversichert. Nach Auskunft der Gewerkschaft ver.di locken immer mehr zwielichtige Vermittler arbeitslose Wanderarbeiter nach Deutschland. Obwohl seit Anfang 2014 auch Bulgaren und Rumänen hierzulande arbeiten dürfen, landen viele von ihnen immer noch in der Scheinselbstständigkeit.

Bewertungen für Deutschland-Monteurzimmer.de
eKomi-Bewertung: Ø 4.7 von 5 Sternen aus 140 Stimme(n)
zuletzt aktualisiert: 25.07.2018

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